Urbane Produktion

Während zu Zeiten der ersten industriellen Revolution noch größtenteils innerstädtisch produziert wurde, sorgten im Verlauf der Zeit vor allem (störende) Emissionen dafür, dass Produktion aktuell vorzugsweise in der Peripherie wiederzufinden ist. Zunehmend rückt jedoch die Stadt als Produktionsraum zurück in den Fokus. Ermöglicht wird diese Entwicklung durch neue, innovative und emissionsfreie Produktionsverfahren wie z.B. dem 3D-Druck. Zusätzlich unterstützen aktuelle Trends (z.B. Nachhaltigkeit, Digitalisierung) und veränderte Anforderungen der Bevölkerung (z.B. Individualität, Regionalität, Flexibilität) diese charakteristische Veränderung. [1]

Dabei ist es wichtig die verschiedenen Interessen der Akteure (insb. Bürger, Kommune und Unternehmen) zu berücksichtigen, um mögliche Konflikte (z.B. zwischen produzierenden Unternehmen und Anwohnern) zu vermeiden. Gleichzeitig birgt eine Produktion im städtischen Raum Chancen für ihre Umgebung - so könnte zum Beispiel eine Produktionsstätte zur Autoherstellung nicht nur Emissionen (z.B. Geräusche, Gerüche, Luftschadstoffe) oder zusätzliches Verkehrsaufkommen bedeuten, sondern ebenfalls zur Schaffung von Arbeitsplätzen, zu einer Verbesserung der Infrastruktur, zur Neuansiedlung anderer Unternehmen und somit insgesamt zur (Re-)Vitalisierung einer Region beitragen.

Der vorliegende Themenschwerpunkt ist untergliedert in die folgenden Bereiche:

Der Begriff

Ein Beispiel

Aus aller Welt

Der Begriff

Urbane Produktion ist die Herstellung und Verarbeitung von materiellen Produkten sowie produktbegleitenden Dienstleistungen in Räumen mit einer funktionalen Dichte und einer Mischung unterschiedlicher Nutzungen in zentraler städtischer Lage.

Die klassische urbane Produktion umfasst Bestandsunternehmen, die historisch im städtischen Raum verstandortet sind. Diese Produktion kann auch höhere Losgrößen sowie weniger individualisierte Produkte umfassen. Hier können moderne Technologien neue Möglichkeiten für eine bessere Verträglichkeit von Produktion mit weiteren Funktionen des urbanen Raumes (z.B. Wohnen) schaffen.

Die moderne urbane Produktion hingegen umfasst die Integration von Betrieben (Neuansiedlungen) in verdichteten Räumen, die individuelle (Losgröße 1), lokale Produkte unter hohem Wissenseinsatz herstellen. Der Einsatz innovativer Technologien und Werkstoffe spielt hier zur hocheffizienten, emissionsfreien, wohnverträglichen Produktion eine wesentliche Rolle.

Anschauungsbeispiel: eine Tischlerei im Herzen Aachens

Im folgenden Abschnitt laden wir Sie ein, sich ein Unternehmen vorzustellen, in dem ein Produkt hergestellt wird. Im gewählten Beispiel handelt es sich dabei um eine Tischlerei, die darauf spezialisiert ist, Holztreppen für die Inneneinrichtung zu produzieren. Aus historischen Gründen befindet sich das Unternehmen, welches in vierter Generation familiengeführt ist, im Aachener Stadtkern.

Unternehmensstruktur

Das Tischlereiunternehmen besteht aus den Abteilungen: Lager, Produktion, Qualitätssicherung, Verwaltung (u.a. Buchhaltung, Personal, Finanzen), Vertrieb.

Damit sich das Unternehmen optisch in die Nachbarschaft eingliedert, achtet die Unternehmensleitung seit jeher besonders auf die Fassadengestaltung der firmeneigenen Gebäude - falls diese das nahe Umfeld zu sehr beeinträchtigen würde, könnte es zu Konflikten mit der umliegenden Nachbarschaft kommen.

Materialversorgung und Infrastrukturanbindung

Um die Treppen (das Produkt) herzustellen, benötigt die Tischlerei diverse Materialien: neben Holz (dem Ausgangsmaterial) zählen hierzu insbesondere Werkzeuge (z.B. Sägeblätter) und Montagematerial (z.B. Schrauben, Klebstoff). Die nötigen Materialien werden wöchentlich durch einen LKW direkt an das Lager geliefert und dort bei Bedarf von der Produktion entnommen.

Gleichzeitig werden infrastrukturelle Rahmenbedingungen benötigt - diese schließen beispielsweise sowohl eine Anbindung an die Grundversorgung (z.B. Gas, Wasser, Elektrizität, Internet) als auch an das städtische Verkehrsnetz ein, über das einerseits Mitarbeiter und Kunden die Tischlerei erreichen und andererseits der Versand der Fertigerzeugnisse erfolgt.

Haupt- und Nebenprodukte

Die Holztreppe ist hierbei ein Hauptprodukt der Tischlerei, ihre Produktion stellt den Zweck der Tischlerei dar. Bei der Fertigung entstehen durch die Verarbeitung des Holzes Spähne und andere Überreste des Holzes, welche als Nebenprodukte bezeichnet werden. Diese können zum Beispiel zu anderen Gegenständen weiterverarbeitet werden, oder aber auch als Brennstoff einer Heizanlage dienen.

Versand der Treppen

Sobald eine weitere Holztreppe fertiggestellt wurde, wird diese - ebenfalls durch einen LKW - sowohl innerhalb der Stadt als auch aus der Stadt heraus in Richtung Auftraggeber transportiert.

Beispiele aus aller Welt

Beiersdorf Manufacturing Hamburg GmbH (Hamburg, Deutschland)

Beiersdorf Manufacturing Hamburg GmbH ist seit 2008 eine Tochtergesellschaft der Beiersdorf AG. Das Produktionszentrum Hamburg mit Werken in den Stadtteilen Eimsbüttel und Billbrook zählt nach eigenen Angaben zu einem der größten Produktionsstandorte von Beiersdorf, an dem im Jahr 2014 ca. ein Drittel der weltweit produzierten Einheiten (u.a. Deodoranten, Aftershaves, Lippenpflegestifte) hergestellt worden sei. [28]

Brooklyn Navy Yard (New York City, USA)

Das Brooklyn Navy Yard ist ein Industriepark in Brooklyn. Hier findet man laut eigenen Angaben mehr als 400 verschiedene produzierende Unternehmen. Es herrsche dabei eine große Branchenvielfalt - darunter beispielsweise Nahrungsmittelproduktion, Textilindustrie oder Holzverarbeitung. Als Transportmöglichkeit sei ein kostenloser Nahverkehr geboten, der die Anbindung an nahegelegene Verkehrsknoten schaffe. [27]

Lindt & Sprüngli GmbH (Aachen, Deutschland)

Die Lindt & Sprüngli GmbH ist ein Unternehmen der Süßwarenindustrie und gehört der international vertretenden Lindt & Sprüngli Group an. Der sich in Aachen West befindende Produktionsstandort stelle nach eigenen Angaben nicht nur die schweizer Schokolade her, sondern biete auch einen Werksverkauf an. Dabei sei die Produktionstätte Aachen laut eigenen Angaben die größte Produktionsstätte der Lindt & Sprüngli Group weltweit. [26]

Josef Manner & Comp AG (Wien, Österreich)

Josef Manner & Comp AG ist in der Lebensmittelindustrie tätig und stellt Süßwaren her. Die Firmenzentrale liegt im Wiener Stadtteil Hernals und ist laut eigenen Angaben gleichzeitig auch das Hauptwerk des Unternehmens. [24]
Bei dem Produktionsstandort Hernals handle es sich darüber hinaus um eine vertikale, sieben-stöckige Produktionsstätte für Waffeln, Kekse, Lebkuchen und andere Süßwaren. [25]

Handwerkerhof Ottensen (Hamburg, Deutschland)

Der Handwerkerhof Ottensen ist ein Zusammenschluss kleiner Betriebe, die auf einem gemeinsamen Grundstück in Hamburg-Ottensen zu verorten sind. Der Zusammenschluss sei nach eigenen Angaben eine Reaktion auf die steigenden Preise für Gewerbeflächen. Hier sind unter anderem Holzverarbeitung, Reparaturunternehmen für Haushaltsgeräten oder Finanzdienstleistungen anzutreffen.[23]