MIA - Made in Aachen

Das Projekt MIA wurde im Rahmen der Forschung für Nachhaltige Entwicklung (FONA) durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert und beschäftigte sich mit der Produktion im urbanen Raum. Die Untersuchungen konzentrierten sich auf zwei Untersuchungsgebiete: Aachen Nord und Aachen West.

Das Untersuchungsgebiet Aachen Nord ist mit einer Gesamtfläche von ca. 165ha als historisch gewachsener Industriestandort von Fabrikanlagen und mehrgeschossigen Gebäudestrukturen geprägt. Das Untersuchungsgebiet ist heute von mehreren Hauptverkehrsachsen durchzogen und repräsentiert als heterogen gemischter Stadtteil die typische Bevölkerungsstruktur und Charakteristika eines ehemaligen Arbeiterquartiers. [4]

In dem ca. 135ha großen Untersuchungsgebiet Aachen West befinden sich Großbetriebe, Unternehmen der High-Tech-Branchen sowie Hochschulnutzungen der RWTH (Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen, Verwaltung und Infrastruktur). Zukünftig werden Teile des ehemaligen Westbahnhofs zum Campus West der RWTH umgestaltet, was einen Wandel des Gebiets hin zu einem Forschungsstandort erwarten lässt [2]. Die Bevölkerungsstruktur ist aufgrund der Nähe zur RWTH Aachen insgesamt eher studentisch geprägt. [4]

Im Rahmen des Projektes wurden innerhalb der Untersuchungsgebiete sowohl Maßnahmen zur Beteiligung von Unternehmen (z.B. Unternehmensbesuche) als auch zur Beteiligung von Bürgern (z.B. Haushaltsbefragungen, Zukunftswerkstätten) durchgeführt. Die Ergebnisse dieser Arbeiten sind in Form von sogenannten Expertisen zusammengeführt worden, die über den folgenden Link abgerufen werden können: Expertisen.

Der vorliegende Themenschwerpunkt ist untergliedert in die folgenden Bereiche:

Verkehr und Logistik

Ökologie und Emissionen

Städtebau und Architektur

Technologie und Innovation

Mitarbeiter und Quartier

Wirtschaft und Geschäftsmodelle

Verkehr und Logistik

Das Thema Verkehr und Logistik spielt eine Schlüsselrolle im Themenfeld der urbanen Produktion. Nicht nur Anlieferung und Abholung der Waren sind wichtig, sondern insbesondere auch die Mitarbeitermobilität sowie der ruhende Verkehr.[5]

Die Untersuchungsgebiete sind für die Wirtschaftsverkehre und den motorisierten Individualverkehr gut angebunden, beide sind über die Hauptverkehrsstraßen und den äußeren Straßenring schnell von der Autobahn erreichbar. Gleichzeitig gestaltet sich die interne Erschließung der Gebiete unübersichtlich und ist durch Sackgassen und Einbahnstraßen geprägt, auch der Rad- und Fußverkehr ist nur teilweise ausgebaut.

Der gute Ausbau des Straßennetzes hat seine Folgen: Die Magistralen werden täglich von bis zu 20.000 Autos befahren, in den Gebieten besteht ein großer Teil der Freiraumnutzung aus Parkplätzen. Dadurch gibt es auf den Straßen auch eine hohe Lärm- und Luftbelastung. [5]

Die Anfahrt mit dem ÖPNV findet momentan über mehrere Buslinien statt: Tagsüber halten Busse an den Radialstraßen mit einer dichten Taktung von bis zu "alle fünf Minuten". Innerhalb der Gebiete und in den Abend- und Nachtstunden nimmt die Taktung der Verbindungen stark ab. Zusätzlich wird Aachen West über einen Personen- und Güterbahnhof von regionalen und überregionalen Zügen angefahren – in Aachen Nord wurde der Bahnhof seit 1980 sukzessiv stillgelegt, nur ein Industriegleis ist noch temporär in Benutzung. Aktuell wird über eine Reaktivierung des regionalen Personenverkehrs nachgedacht.

Andere Mobilitätsangebote sind in beiden Gebieten ausbaufähig – es fehlt an Bike- und Car-Sharing, Park+Ride-Flächen und E-Lade-Stationen. Beispielsweise könnten die vorhandenen Tankstellen zukünftig als Mobilitätsschnittstellen ausgebaut werden. [5]

Stichproben zeigen, dass die Unternehmenslogistik in Aachen Nord vorwiegend als Stückguttransport per LKW erfolgt. Die transportierten Güter unterscheiden sich in Anlehnung an die verschiedenen, angesiedelten Wirtschaftszweige deutlich.

Insgesamt zeigt sich, dass der überwiegende Anteil der Produkte national bzw. international verkauft wird. Es lässt sich ein Zusammenhang zwischen Produkt und Absatzmarkt erkennen. Druckerzeugnisse, Feinkost, Backwaren und Fleischverarbeitung werden für den lokalen Markt hergestellt. Möbel, Inneneinrichtung, Metallbau sowie Bau- und Metallprodukte werden vor allem für den nationalen Absatzmarkt hergestellt, während die übrigen Güter insbesondere für den internationalen Markt hergestellt werden. [5]

In Aachen West sind insgesamt weniger produzierende Unternehmen angesiedelt als in Aachen Nord. Aber auch hier erfolgt die Unternehmenslogistik Stichproben zufolge überwiegend in Form von Stückguttransporten via LKW. Der internationale Absatzmarkt ist in Aachen West noch ausgeprägter. Lediglich die Druckereibranche bezieht sich auf den lokalen Markt. Das Produktspektrum ist ebenfalls sehr vielfältig und reicht von Süßwaren über Metallbau, Druckerei und Bekleidung bis hin zu Maschinenbau, Spezialglas, Laser und IT. [5]

Die Zufahrt für Kunden, Mitarbeiter und Lieferfahrzeuge auf die Produktionsgrundstücke erfolgt meist über einen gemeinsamen Weg. Für Mitarbeiter und Kunden werden Stellplätze auf dem Betriebsgelände vorgehalten.

Separate Grundstückzufahrten für Logistiker werden vor allem bei großen und mittleren Betrieben vorgehalten. Häufig weisen Produktionsgrundstücke eine Vielzahl an weiteren (meist verschlossenen) Zufahrten, Toren und Zugängen zur Straße auf. Dies führt zu einer Erschwerung der Orientierung und zur Entstehung von Suchverkehren. Dies tritt ebenfalls überwiegend bei großen Produktionsgrundstücken auf - sowohl in AC-West als auch in AC-Nord. [5]

Aus den Unternehmensbesuchen ist die Datenlage zu Menge und Intensität des verursachten Verkehrs bisher sehr differenziert und wenig aussagekräftig. Dies liegt insbesondere an unterschiedlichen Antworttypen - diese reichen von "2-3 Lieferungen pro Tag" über "5 LKW pro Stunde" bis hin zu "wenig" oder "viel". [5]

Obwohl Urbane Produktion eine Stadt der kurzen Wege ermöglicht, geben 59% der Unternehmen an, dass ihre Mitarbeiter hauptsächlich mit dem PKW anreisen. 14% sagen, dass es eine Kombination aus ÖPNV und PKW ist, die Mitarbeiterschaft von 16% der Unternehmen nutzt hauptsächlich den ÖPNV und lediglich 8% der Unternehmen geben an, dass ihre Mitarbeiter vorrangig zu Fuß und/oder mit dem Fahrrad zur Arbeitsstelle kommen.

Im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung zeigt sich letztlich die Notwendigkeit den motorisierten Individualverkehr zu reduzieren bspw. durch u.a. Jobtickets, Carsharing, Fahrgemeinschaften und Fahrradverleihsysteme. [6]

Die Ergebnisse von MIA zeigen, dass in Bezug auf das Thema „Verkehr und Logistik“ weiterer Handlungsbedarf besteht. Es bestehen insbesondere Verbesserungspotenziale im Hinblick auf eine nachhaltige und stadtverträgliche Gestaltung des Personenverkehrs - beispielsweise durch eine Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs. Einen Beitrag hierzu kann der Ausbau Öffentlicher Verkehrsmittel sowie weiterer umweltverträglicher Mobilitätsangebote (z.B. Radverkehrsstraßen) leisten. Auch in Bezug auf den Lieferverkehr könnten effizientere Logistikkonzepte dabei helfen die Verkehrssituation in Aachen zu entschärfen. Eine Bündelung der bestehenden Transportbedarfe könnte beispielsweise dazu führen das resultierende Verkehrsaufkommen zu reduzieren.

Ökologie und Emissionen

Das Themenfeld Ökologie und Emissionen spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle im Hinblick auf eine stadtverträgliche Ausgestaltung urbaner Produktion - beispielsweise können sich durch die Produktion von Gütern aufkommende Emissionen direkt auf die Akzeptanz der Bevölkerung auswirken.

Bei der Herstellung und Verarbeitung von Gütern fallen in der Regel Emissionen (z.B. Schadstoffe, Geräusche) oder Nebenprodukte (z.B. Abfälle) an. Im Hinblick auf Emissionen findet in den Rechtsnormen eine Unterscheidung zwischen Lärm, Schadstoffen und Staub, Erschütterungen, Licht, Wärme und Strahlung statt (vgl. u.a. [12]). Wendet man diese Einordnung auf die hergestellten Produkte an, ergeben sich Rückschlüsse auf die möglichen Emissionen. Die dargestellte Karte zeigt potentielle Belastungen in Aachen West.

Wegen mangelnder Informationen und aufwändiger Messtechnologien können keine eindeutigen Aussagen zum Ist-Zustand in den beiden Untersuchungsgebieten getroffen werden. Im städtischen Umfeld haben insbesondere Emissionen von Lärm, Luftschadstoffen und Gerüchen einen prägenden Einfluss, während Erschütterungen und Strahlung vergleichsweise seltener auffallen. [7]

Urbane Produktion wird häufig in Zusammenhang mit ‚Zero Emission‘-Idealen gebracht. Die Realität sieht in der Regel allerdings anders aus und Urbane Produktion ist selten emissionsfrei. 32% der befragten Unternehmen in Aachen geben an keine Emissionen auszustoßen. Von den übrigen Unternehmen nennen 25% Lärm, 8% Geruch/Luft, 7% CO2 sowie 4% Staub als Emissionen (Mehrfachnennung möglich). Allerdings ist nicht bekannt, in welcher Menge die benannten Emissionen von den Unternehmen abgegeben werden.

Dennoch gibt es eine Vielzahl Maßnahmen, die ergriffen werden können, um Emissionen zu reduzieren, um dem Ziel ‚Zero Emission‘ näher zu kommen. Zum einen können bestehende Technologien, wie Spezialfilter, neue Maschinen und Fahrzeuge eingesetzt werden. Zum anderen besteht die Möglichkeit, Forschungskooperationen mit Hochschulen und anderen Unternehmen einzugehen, um gemeinsam neue Technologien zu entwickeln. Insgesamt setzen 46% der befragten Unternehmen Technologien ein, um Emissionen zu reduzieren. [6]

40% der Bürger in Aachen glauben, dass produzierende Unternehmen im Allgemeinen negative Auswirkungen auf die unmittelbare Nachbarschaft haben werden [4]. Hierbei werden Lärm (18,6%), Geruchsbelästigung (8,5%) und Emissionen und Luftverschmutzung (6,2%) genannt. 16,7% von den Bürgern, die in der Nähe von urbaner Produktion wohnen, geben primär Lärm als Störfaktor an. [10]

Den durchgeführten Untersuchungen nach stellt sich Lärm in Aachen als stärkste Emission heraus, die urban produzierende Unternehmen ausstoßen. Annähernd die Hälfte der befragten Unternehmen streben allerdings bereits heute danach die Emissionen durch dafür verfügbare Technologien zu reduzieren. Durch kontinuierliche technologische Weiterentwicklungen im Austausch mit den Bedürfnissen von städtischen Anwohnern ist davon auszugehen, dass in Zukunft weitere Fortschritte im Hinblick auf die Ökologie einer urbanen Produktion erzielbar sein werden.

Städtebau und Architektur

Um die aktuelle Situation der urbanen Produktion in Aachen abzubilden, hat sich das Projekt ebenfalls mit dem Städtebau und der Architektur der Stadt im Hinblick auf die angesiedelten Unternehmen auseinandergesetzt.

Im Jahr 2014 gab es in Aachen 2.979 urban produzierende Unternehmen, von denen 72% den produktbegleitenden Dienstleistungen und 28% dem verarbeitenden Gewerbe zuzuordnen sind. Bei den produktionsbezogenen Dienstleistungen dominieren technische Ingenieurbüros mit einem Anteil von 35%. Im verarbeitenden Gewerbe sind die Branchen der Nahrungs- und Getränkeherstellung mit 5,1% am stärksten vertreten. Die Konzentration produzierender Unternehmen ist in Aachens Stadtkern am höchsten und nimmt zur Stadtgrenze hin stetig ab. Einige Branchen müssen aufgrund eines höheren Flächenanspruchs oder wegen Emissionsobergrenzen einen Standort außerhalb der Innenstadt wählen. Der Flächenanteil urbaner Produktion an der Gesamtfläche aller baulichen Nutzungen in Aachen liegt bei etwa 22%. [10]

Zusammenfassend ist im Projekt ein Branchenatlas entwickelt worden, der an folgender Stelle abgerufen werden kann: Branchenatlas.

Die Architektur von Produktion stellt sich in beiden Untersuchungsgebieten sehr facettenreich dar. Verarbeitendes Gewerbe hat sich vor allem in Clustern, Solitären und Hallen organisiert. Besonders die länger ansässigen Unternehmen weisen deutliche Maßstabssprünge im Kontext ihrer Umgebung auf – einzelne Produktionsgrundstücke sind bis zu 100.000 qm groß. Produktionsbezogene Dienstleistungen sind hingegen auch auf sehr kleinen Grundstücken organisiert, beispielsweise in einer mehrgeschossigen Blockrandbebauung, und fügen sich damit in die umgebende Wohnbebauung ein. Auch der Zustand variiert: 2/3 der Produktionsgebäude in Aachen West sind in einem sanierten Zustand, in Aachen Nord ist weniger als die Hälfte der Produktionsgebäude als „gut“ eingestuft. Obwohl der Gebäudebestand in Aachen überwiegend ab 1949 entstanden ist, gibt es in beiden Gebieten auch Produktion in historischer und denkmalgeschützter Bausubstanz, die markante Zeichen im Stadtbild setzen. [5]

Innerhalb bebauter Ortsteile ist ein Vorhaben zulässig, wenn es sich nach Art und Maß der baulichen Nutzung, der Bauweise und der Grundstücksfläche, die überbaut werden soll, in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt und die Erschließung gesichert ist. Im Flächennutzungsplan (FNP) wird für das gesamte Gemeindegebiet die beabsichtigte städtebauliche Entwicklung dargestellt. Der derzeit gültige Flächennutzungsplan weist gewerbliche, gemischte und (Wohnbau)-Flächen in beiden Gebieten aus – die Ansiedlung von urbaner Produktion ist hier also grundsätzlich möglich.

Wenn es für die städtebauliche Ordnung zum Beispiel zur Konfliktvermeidung notwendig ist, muss die Stadt Bebauungspläne aufstellen – in Aachen Nord sind ungefähr 1/3 der Flächen und in Aachen West 2/3 der Flächen bauleitplanerisch überplant. Die für die Bebauung vorgesehenen Flächen können nach der besonderen Art ihrer baulichen Nutzung (Baugebiete nach Gebietskategorien) dargestellt werden, die wiederum regeln, ob oder welche Art von Gewerbe in der jeweiligen Kategorie zulässig ist. [5]

Bisher findet auf der Ebene der Bauleitplanung in den beiden Aachener Gebieten nur eine geringe Förderung gemischter Strukturen statt. Erste Ansätze lassen sich im Entwurf des neuen Flächennutzungsplans und in den jüngsten Bebauungsplänen erkennen: Hier finden sowohl Ausweisungen neuer Wohngebiete in der Nachbarschaft gewerblicher Lagen, als auch Gewerbenutzungen neben bestehenden Mischgebieten statt. Weitere Möglichkeiten sind durch die Novellierung der Baunutzungsverordnung entstanden. Seit dem Jahr 2017 ist die Ausweisung eines „Urbanen Gebietes“ möglich. Neben mehr Flexibilität im Mischungsverhältnis ermöglicht diese Kategorie eine höhere bauliche Dichte und weniger strenge Anforderungen an den Lärmschutz. [5]

Insgesamt zeigt sich, dass die Durchmischung in Aachen weiterverfolgt werden sollte und die Nutzung der Flächen von diversen zu berücksichtigenden Faktoren abhängt. Gleichzeitig liegt weiteres Potenzial vor, um die Entwicklung des Städtebaus und der Architektur in Aachen positiv zu befördern.

Technologie und Innovation

Bei dem Handlungsfeld Technologie und Innovation handelt es sich um einen weiteren, zentralen Themenschwerpunkt im Umfeld der urbanen Produktion in Aachen. Darin werden neben den historischen Phasen der Industrialisierung insbesondere die Stichpunkte Digitalisierung, räumliche Nähe und damit verbundene Chancen und Risiken thematisiert.

Die vier Phasen der Industrialisierung beginnen Anfang des 18. Jahrhundert. Mechanische Anlagen lassen automatisierte Produktion zu, darauf folgen erste städtebauliche Entwicklungen innerhalb der historischen Stadtkerne. Erst ab 1870 (Phase 2) ermöglicht elektrische Energie das Fließbandprinzip, ein starker Bevölkerungszuzug aus dem ländlichen Raum folgt: In Aachen Nord lassen sich zahlreiche Produktionsbetriebe nieder, später siedelt sich auch in Aachen West flächendeckend Gewerbe an. In den 1970-er Jahren (Phase 3) verliert der sekundäre Sektor an Bedeutung – während sich vermehrt Dienstleistungen und Büros gründen, setzten verbleibende produzierende Unternehmen auf die Automatisierung: In Aachen West und Aachen Nord werden High-Tech-Betriebe errichtet und altindustriellen Standorten werden neue Nutzungen zugewiesen. Bis heute ist die starke Industrie in Deutschland eine Grundlage der prosperierenden Wirtschaft geblieben und mittlerweile ermöglichen neue Technologien flexible, emissionsarme und kosteneffiziente Produktion im urbanen Raum. [5, 11]

Bei den neuen Technologien spielt vor allem das Thema Digitalisierung eine wichtige Rolle. Dieses ist allerdings sehr komplex und nicht leicht in Unternehmen umzusetzen - insbesondere, wenn nicht bekannt ist, welche Möglichkeiten im eigenen Unternehmen bestehen. In Aachen gibt es verschiedene Ansprechpartner, die Unternehmen in diesem Themenfeld unterstützen können: Fachbereich Wirtschaft, Wissenschaft und Europa der Stadt Aachen, DigitalHUB Aachen sowie das Kompetenzzentrum Digital in NRW.

Der Digitalisierungsgrad der produzierenden Unternehmen (Unternehmensbesuche) ist nicht sehr hoch. 4% der befragten Unternehmen geben an komplett digitalisiert zu sein, weitere 16% sind größtenteils digitalisiert. Es gibt bereits Unternehmensbeispiele, die einzelne Prozesse nach und nach digitalisieren, bspw. mit Hilfe von Digital in NRW. [6]

In einer Stadt der kurzen Wege können persönliche Kontakte, eine hohe Kommunikationsdichte und die Nähe zu öffentlichen Bildungseinrichtungen sowie Universitäten die Ausgangslage für Wissenstransfer, Innovationen und zur Gewinnung von Fachkräften für Unternehmen verbessern [13]. Räumliche Nähe schafft Vertrauen zwischen den Akteuren, erleichtert persönliche Treffen und den Informationstransfer zwischen den Akteuren und fördert die Zusammenarbeit.

Allerdings befürchten manche Unternehmer, dass durch Kooperationen und Synergien wirtschaftliche Nachteile entstehen könnten, indem spezifisches Know-how des Unternehmens abgegriffen wird und somit das bisherige Alleinstellungsmerkmal verloren geht. [14]

In Aachen zeigt sich, dass ca. 58% der besuchten Unternehmen bereits mit Hochschulen kooperieren oder über eine Ausweitung der Zusammenarbeit nachdenken, wohingegen nur 40% der befragten Unternehmen mit anderen Unternehmen kooperieren und sogar 55% eine Kooperation ablehnen. [6]

Insgesamt ließ sich beobachten, dass bei einem großen Teil der in Aachen untersuchten Unternehmen ein besonderes Interesse zur Erschließung höherer Digitalisierungsgrade und den dafür verfügbaren Maßnahmen besteht. Aachen kann als Stadt der kurzen Wege beschrieben werden, in der sowohl die Nähe zu öffentlichen Bildungseinrichtungen und Universitäten eine zukunftsweisende Ausgangslage für Innovationen, Wissenstransfer sowie zur Gewinnung von Fachkräften vorherrscht - gleichzeitig sehen einige Unternehmen in dieser Nähe ebenfalls ein Risiko spezifisches Know-How abzugeben und damit bisherige Alleinstellungsmerkmale zu verlieren.

Mitarbeiterfreundlichkeit und Quartier

In diesem Handlungsfeld wird insbesondere die Bevölkerungs- und Sozialstruktur innerhalb der Stadt Aachen beleuchtet - neben den Lebensbedingungen der Stadtbevölkerung wird in diesem Zuge ebenfalls auf die Wechselwirkungen zwischen einer urbanen Produktion und ihrer Nachbarschaft eingegangen.

Die kreisfreie Stadt Aachen zählt 253.316 Einwohner [18]. Die Bevölkerungs- und Sozialstruktur der Stadt Aachen ist heterogen zusammengesetzt.

Das Geschlechterverhältnis ist annähernd gleichverteilt mit 47,9% Männern und einem Anteil von 52,1% Frauen. Die Altersstruktur setzt sich wie folgt zusammen: 18 bis 29 Jahre (29,5%); 30 bis 49 Jahre (28,1%), 50 bis 64 Jahre (21,4%), 65 Jahre und älter (20,9%).

Innerhalb der Bevölkerung gibt es mit 50% einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Hochschulabsolventen. 26% der Bevölkerung in Aachen hat einen Haupt- bzw. einen Volksschulabschluss und weitere 14% einen Realschulabschluss vorzuweisen.

2018 lag die Anzahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in Aachen bei 83.870 [17]. Die Arbeitslosenquote lag in der Städteregion Aachen 2018 bei 6,4% [19]. [22]

Die Lebensbedingungen der Stadtbevölkerung werden maßgeblich durch das Niveau und die Struktur der Versorgung mit Leistungen der sozialen Infrastruktur geprägt - am Beispiel Aachen beinhaltet diese:

  • Bildungseinrichtungen (z.B. Allgemeinbildende Schule; Berufsschule; Fachschule; Volkshochschule; Bildungs-, Forschungseinrichtung; Fachhochschule; Universität)
  • Freizeit- und Erholungseinrichtungen (z.B. Badegebäude; Freizeithaus; Freizeitheim; Dorfgemeinschaftshaus; Bürgerhaus; Gebäude für Erholung; Hallenbad; Jugendfreizeitheim; Sporthalle; Sportplatzgebäude)
  • Gotteshäuser und religiöse Einrichtungen (z.B. Christliche Kirche; Gotteshaus einer anderen Religionsgemeinschaft; Synagoge; Kirchliche Einrichtung; Gemeindehaus; Küsterei)
  • Handels-, Dienstleistungs- und Einkaufsgebäude (Einkaufszentrum; Gebäude für Handel und Dienstleistungen; Kaufhaus)
  • soziale Einrichtungen (z.B. Kindergarten; Kindertagesstätte; Kinderheim; Sozialeinrichtung)
  • Kulturelle Einrichtungen (z.B. Museum; Theater; Oper) [10] (Abbildung)

Die Auswirkungen innerstädtischer Produktionsunternehmen auf die Nachbarschaft können sowohl Chancen als auch Risiken mit sich bringen.

Über 60% der befragten Bürger denken nicht, dass sich Urbane Produktion negativ auf das Wohnumfeld auswirken wird [4]. Die Öffnung und Zugänglichkeit des Produktionsgeländes wird von allen sozialen Gruppen und Altersklassen in hohem Maße begrüßt. Die Forderung nach einem sozialen Engagement des Produktionsbetriebs zu Gunsten der unmittelbaren Nachbarschaft fand bei den befragten BürgerInnen den stärksten Zuspruch. Eine Mehrheit von 54% würde soziales Engagement sehr begrüßen. Das Interesse der Unternehmen an einer guten Nachbarschaft schätzen die befragten Personen ebenso hoch ein. [10]

Für produzierende Unternehmen in der Stadt ist ein gutes Verhältnis zur Nachbarschaft für eine gelungene Integration von besonderer Bedeutung. Das Verhältnis zur Nachbarschaft wird von den befragten Unternehmen sehr positiv gesehen. Lediglich 7% der Unternehmen sprechen von einem angespannten Verhältnis zu den Anwohnern, 15% geben an, gar keinen Kontakt zur Nachbarschaft zu haben, und weitere 13% haben nur wenig Kontakt zur Nachbarschaft. Die Übrigen haben nach eigenen Angaben ein gutes bis sehr gutes Verhältnis. Einige Unternehmen bringen sich in ihre Nachbarschaft ein, indem sie diese zu Betriebsfesten einladen, sich bei Nachbarschaftsfesten beteiligen, in soziale Einrichtungen investieren oder Geschenkpakete verteilen. [6]

In diesem Themenfeld wurde zunächst die Einwohnerstruktur beschrieben - dabei konnte die gleichmäßige Geschlechterverteilung ebenso hervorgehoben werden, wie der vergleichsweise hohe Anteil an Hochschulabsolventen in der Bevölkerung (ca. 50%). Gleichzeitig gibt es in Aachen ein breites Angebot an sozialer Infrastruktur - darunter u.a. Bildungseinrichtungen (z.B. Schulen, Hochschulen), Freizeit- und Erholungseinrichtungen (z.B. Badegebäude), religiöse Einrichtungen (z.B. Gemeindehäuser), kulturelle (z.B. Museum, Theater) und soziale Einrichtungen (z.B. Kindergärten). Dem Verhältnis zwischen urban produzierenden Unternehmen und ihrer Nachbarschaft kommt eine besondere Bedeutung zu - ein positiver Beitrag zu diesem Verhältnis kann beispielsweise durch gegenseitiges Engagement (z.B. Beteiligung / Teilnahme an Betriebsfesten der ansässigen Unternehmen) erzielt werden.

Wirtschaft und Geschäftsmodelle

Im Handlungsfeld Wirtschaft und Geschäftsmodelle liegt das Hauptaugenmerk auf ökonomischen Aspekten einer urbanen Produktion. Neben Faktoren für eine Standortentscheidung werden in diesem Zuge der Bereich Unternehmenskooperationen (z.B. mit anderen Unternehmen oder Forschungseinrichtungen) ebenso beleuchtet wie Image- und Absatzmarktaspekte im Quartier.

Standortfaktoren bezeichnen Vorteile eines Standortes, die für Betriebe bei der Wahl der Niederlassung ein maßgebliches Kriterium sind und die sie bei der Ansiedlung für sich nutzen können. Man unterscheidet hierbei zwischen harten und weichen Standortfaktoren. Zu den harten Standortfaktoren zählen u.a. Infrastruktur, Absatzmarkt, Ressourcenverfügbarkeit sowie vorhandenes Arbeitskräftepotenzial. Unter die weichen Standortfaktoren fallen z.B. Umweltbedingungen, kulturelle Einrichtungen, Image sowie Freizeitangebote und Möglichkeiten der Weiterbildung.

Bei den 55 durchgeführten Unternehmensbesuchen wurde eine gute Verkehrsanbindung besonders häufig als Faktor für die Standortentscheidung genannt (19,5%). Des Weiteren scheinen die Faktoren Attraktiver Standort sowie Nähe zur Forschung für Aachen zu sprechen, jeweils mit 8%. Auch die Flächenverfügbarkeit bzw. die Verfügbarkeit eines Bestandsgebäudes haben in der Vergangenheit zu einer Entscheidung für Aachen geführt. Ebenso wird der Faktor Nähe häufiger genannt: zum persönlichen Umfeld (5%), zwischen Wohnen und Arbeiten (5%), zum Zentrum und zu Kunden. [6]

Es kann zwischen Kooperationen von Unternehmen mit anderen Unternehmen (Business to Business, B2B) und von Unternehmen mit Forschungseinrichtungen und Hochschulen (Business to Science, B2S) unterschieden werden. Dabei können Kooperationen durch persönliche Kontakte, Netzwerktreffen und Veranstaltungen oder durch vermittelnde Dritte, wie z.B. die Wirtschaftsförderung der Stadt Aachen, zu Stande kommen. Der Aspekt der Kooperation variiert stark: von der Nutzung gemeinsamer Infrastruktur (Räumlichkeiten, Fahrzeuge, Maschinen) über Forschung und Entwicklung bis hin zu kooperativer Logistik.

Insgesamt zeigt sich speziell in Aachen ein Potenzial für neue Kooperationen sowohl B2B als auch B2S. [6]

Das Image des Quartiers bzw. die Architektur des Gebäudes spielen für die besuchten Unternehmen eine untergeordnete Rolle bei der Wahl des Standorts. Lediglich 15 % halten diese Faktoren für sehr wichtig bzw. 20% für wichtig. Sogar 40% der Unternehmen bewerten die Architektur des Gebäudes als nicht wichtig. Vor dem Hintergrund, dass bei der Haushaltsbefragung bzw. vorherigen Veranstaltungen des Projektes MIA die Architektur der Produktionsgebäudes als einer der wichtigsten Faktoren für eine gelungene Integration in die Nachbarschaft benannt wurde, zeigt sich ein großes Verbesserungspotenzial. [6]

Die Ergebnisse der Haushaltsbefragungen zeigen, dass 38,2% der befragten Bürger Produkte kaufen, die in der unmittelbaren Nachbarschaft hergestellt werden. Gekauft werden vor allem Güter des täglichen Bedarfs wie Süßwaren, landwirtschaftliche Erzeugnisse, Konfitüre, Backwaren und sonstige Lebensmittel.

Die Haushaltsbefragung in Aachen hat darüber hinaus gezeigt, welch große Bedeutung Nachhaltigkeitsaspekte für Kaufentscheidungen zu urbanen Produkten besitzen. Hohe Zustimmungsraten erhalten die Kriterien Umweltfreundlichkeit (89%), Nachhaltigkeit (85%) und Hochwertigkeit (76%). Im Gegenzug finden die Aspekte Innovativität und Individualität vergleichsweise wenig Beachtung, 19% der Befragten erachten z.B. Produktindividualisierung sogar als unwichtig. Allerdings ist damit zu rechnen, dass die Nachfrage nach individualisierten Produkten in Zukunft steigen wird [20].

Insgesamt konnte im Zuge der Untersuchungen herausgearbeitet werden, dass in Aachen besondere Potenziale zum Aufbau langfristiger Kooperationen zwischen Unternehmen, sowohl mit anderen Unternehmen als auch mit regional ansässigen Forschungseinrichtungen, vorherrschen. Darüber hinaus bestehen bereits langjährige Kooperationen zwischen der städtischen Wirtschaftsförderung und diesen beiden Akteursgruppen. Für die befragten Unternehmen stellte eine gute Verkehrsanbindung einen entscheidenden Standortfaktor dar - gefolgt von Flächen- und Gebäudeverfügbarkeiten sowie dem Faktor Nähe (z.B. zwischen Wohnen und Arbeiten). Im Hinblick auf das Image des Quartiers spielt die Architektur des Gebäudes eine untergeordnete Rolle, während die Nachbarschaft und städtische Bevölkerung diesen Aspekt als einen der wichtigsten Faktoren für eine gelungene Integration in die Nachbarschaft einschätzen.